[Essay] An ausgewählten Ortseingängen in Ostwestfalen-Lippe flattert seit heute Morgen ein schwarz-gelbes Band. Es ist dieselbe Sorte Absperrband, mit der sonst ein Tatort gesichert wird oder eine Gefahrenstelle. Dieses Mal markiert es etwas Abstrakteres, aber kaum weniger Reales: den finanziellen Notstand der Kommunen. „Kommunen am Limit“ steht darauf, und das Bild ist gut gewählt, denn es stimmt. Die Gemeinden in Deutschland haben das Jahr 2025 mit einem Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro abgeschlossen – dem höchsten seit der Wiedervereinigung. Wer in einer solchen Lage steht, greift nach jedem Strohhalm. Und ein Halm sieht im Moment besonders verlockend aus.
Er heißt Digitalisierung. Genauer: Künstliche Intelligenz. Die Erzählung dazu ist eingängig und wird auf Kongressbühnen, in Sonntagsreden und Förderbescheiden seit Jahren wiederholt: Wenn die Verwaltung nur endlich digital werde, wenn Software und Algorithmen die Aktenberge ablösten, dann ließen sich Stellen einsparen, Verfahren beschleunigen, Kosten senken. Die Maschine werde es schon richten – und zwar günstiger. Diese Hoffnung ist verständlich. Sie ist nur, in dieser Form, ein Trugschluss. Und als jemand, der die Digitalisierung einer Stadtverwaltung beruflich verantwortet, halte ich es für wichtig, das zu beschreiben. Gerade weil ich an ihren Nutzen glaube.
Beginnen wir bei der Mathematik, die niemand gern hört. Selbst der Nationale Normenkontrollrat (gewiss kein Bremser) formuliert die große Einsparhoffnung auffällig vorsichtig. In seinem Gutachten zum E-Government heißt es, den Anfangsinvestitionen stünden — „so die oft wiederholte Annahme“ — mittel- bis langfristig große Einsparpotenziale gegenüber. Oft wiederholte Annahme. Man muss diese Wortwahl ernst nehmen. Sie verrät, dass hier eine Erwartung zirkuliert, kein gesichertes Ergebnis. Ökonomen kennen das Phänomen als J-Kurve: Wer eine grundlegend neue Technologie einführt, sieht zuerst die Produktivität sinken, nicht steigen. Zunächst muss investiert, geschult, umgebaut werden, bevor irgendwann, vielleicht, geerntet wird. Übersetzt in die Sprache der Kämmereien heißt das: Es wird erst teurer, bevor es billiger wird. Und ob die zweite Hälfte des Satzes eintritt, hängt von Bedingungen ab, die mit der Technik selbst wenig zu tun haben.
Die wichtigste dieser Bedingungen lautet: Man darf nicht den falschen Prozess digitalisieren. Wer ein umständliches, schlecht durchdachtes Verfahren eins zu eins in Software gießt, bekommt am Ende keinen guten Prozess. Er bekommt einen schnellen, schlechten Prozess. Schneller, ja. Auch nutzerfreundlicher, durchaus. Aber „schneller“ ist nicht „besser“, und „nutzerfreundlicher“ ist erst recht nicht „billiger“. Diese drei Begriffe werden in der Debatte beständig verwechselt, und aus der Verwechslung speist sich die Illusion vom digitalen Sparprogramm.
Hinzu kommt eine strukturelle Abhängigkeit, über die selten offen geredet wird. Eine Kommune entwickelt keine Software. Sie kann es nicht, und sie soll es auch nicht. Also kauft sie ein – und begibt sich damit in die Hand eines Marktes, der seine eigenen Spielregeln hat. Der Chief Information Officer des Bundes, Markus Richter, hat es mit bemerkenswerter Offenheit gesagt: „Faktisch haben wir heute keinen Wettbewerb.“ Ist ein Fachverfahren erst einmal eingeführt, sitzt die Verwaltung fest. Der Wechsel zu einem anderen Anbieter wird so teuer, dass er praktisch ausscheidet. Man nennt das Vendor-Lock-in, und es ist kein technisches Randproblem, sondern ein finanzielles Dauerverhältnis.
An dieser Stelle wird gern Open Source als Ausweg gepriesen – quelloffene, freie Software, unabhängig von den großen Konzernen. Ich bin ein Anhänger dieses Gedankens. Aber man muss ehrlich bleiben. Open Source ist nicht gleich kostenlos. Es ist nur anders teuer. Die Lizenzgebühr entfällt, dafür wandern die Kosten in Betrieb, Wartung und vor allem Personal. Der kommunale IT-Dachverband Vitako sagt es unverblümt: Die Nutzung erfordere entweder eigenes Fachpersonal oder einen Dienstleister. Die Stadt München hat diese Lektion teuer gelernt. Ihr Linux-Projekt LiMux galt einst als das ehrgeizigste Open-Source-Vorhaben einer deutschen Großstadt. Die Rückabwicklung kostete am Ende einen zweistelligen Millionenbetrag. Souveränität ist erstrebenswert. Sie ist nur kein Schnäppchen.
Und dann ist da die Dimension, die in den Spar-Prognosen fast vollständig fehlt: Sicherheit. Jede neue digitale Anwendung vergrößert die Angriffsfläche. Wer mehr Türen baut, muss mehr Türen bewachen. Im Sommer 2021 legte Ransomware den Landkreis Anhalt-Bitterfeld lahm. 207 Tage herrschte Katastrophenmodus, in dem zeitweise kein Sozial-, Eltern- oder Kindergeld ausgezahlt werden konnte. Die Bundeswehr leistete Amtshilfe; die Gesamtkosten lagen bei rund zweieinhalb Millionen Euro. Im Herbst 2023 traf es den Dienstleister Südwestfalen-IT und mit ihm 72 Kommunen und rund 20.000 Arbeitsplätze gleichzeitig. Ein einziger Angriff, über einen ungesicherten Zugang, und die Verwaltung von 1,7 Millionen Menschen lief plötzlich wieder auf Papier.
Dieser Fall führt zum vielleicht heikelsten Punkt. Der große Trend der Verwaltungsmodernisierung lautet Zentralisierung – man bündelt, vereinheitlicht, schafft nationale Plattformen. Das nationale Once-Only-System NOOTS, das Rückgrat der Registermodernisierung, folgt genau dieser Logik. Bürgerinnen und Bürger sollen ihre Daten nur noch einmal angeben, der Staat reicht sie intern weiter. Die Idee ist klug, und die Architektur hält die Daten bewusst dezentral. Aber Vermittlung, Identitätsmanagement und Steuerung laufen zentral zusammen. Und damit entsteht, was Sicherheitsfachleute einen „Single Point of Failure“ nennen: ein Knoten, dessen Ausfall das Ganze trifft. Wer alles an einen Faden hängt, sollte diesen Faden hervorragend bewachen – und das Bewachen ist kein einmaliger Posten, sondern eine Kostenstelle ohne Ablaufdatum.
Bleibt der Mensch. Um all das zu betreiben, zu sichern und weiterzuentwickeln, braucht es Fachkräfte, die der öffentliche Dienst nicht hat. Eine McKinsey-Studie beziffert die Lücke bis 2030 auf rund 140.000 fehlende IT-Spezialisten allein im Staat. Was an eigenem Wissen fehlt, wird zugekauft, bei Beratungen und Dienstleistern, zu Tagessätzen, die jede Sparkalkulation in ihr Gegenteil verkehren. Das Know-how verlässt am Projektende das Haus. Die Rechnung bleibt.
Man könnte das alles für ein Plädoyer gegen die Digitalisierung halten. Es ist das Gegenteil. Eine Verwaltung, die im 21. Jahrhundert handlungsfähig bleiben will, hat zur Digitalisierung keine Alternative. Aber sie sollte aufhören, sich selbst und ihren Bürgern eine bequeme Geschichte zu erzählen. Digitalisierung ist kein Sparschwein, das man umdreht, wenn die Kasse leer ist. Sie ist eine Investition in Qualität, in Resilienz und in die Innovation eines Verfahrens, das stabil funktionieren muss. Solche Investitionen lohnen sich. Nur eben nicht im selben Haushaltsjahr.
Auf den Ortsschildern steht in diesen Tagen ein zweiter Satz, der das Verhältnis der staatlichen Ebenen beschreibt: „Wer bestellt, bezahlt.“ Er gilt auch hier, nur subtiler. Wer Digitalisierung als kurzfristige Einsparung bestellt, bezahlt sie am Ende doppelt – einmal für die Technik und einmal für die enttäuschte Erwartung. Wer sie ehrlich als das bestellt, was sie ist, eine langfristige Investition in die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens, der bekommt etwas Wertvolles dafür. Es kostet nur erst einmal Geld.
Transparenzhinweis: These und Argumentation dieses Beitrags stammen vom Autor. Bei der sprachlichen Überarbeitung wurde KI eingesetzt.